Wir möchten den Blick auf die NS-Geschichte der Stadt Plauen richten: Plauen war keine „Opferstadt“, im Gegenteil, Plauen war von der ersten Stunde an eine Stadt des Nationalsozialismus.
Plauen spielte eine wichtige Rolle beim Aufstieg der Nazis, war Schauplatz deutscher Kriegsindustrie und Ort antisemitischer und politischer Verfolgung. In Plauen gab es Zwangsarbeiter*innen und Ghettohäuser, es wurden Panzer gebaut und Jüdinnen und Juden verschleppt. Wir müssen die Spuren des Nationalsozialismus, seiner Täter aufdecken. Sonst nutzen es Neonazis und Geschichtsrevisionisten immer wieder aus, um ihr Geschichtsbild auf die Straße zu tragen. Dieses Bild bedeutet jedoch nichts anderes als die Inszenierung eines Opfermythos.
Lücke im Gedächtnis? Verdrängte Erinnerung? – Plauens NS-Geschichte und die Gegenwart im Jahr 2026
Die NS-Zeit ist ein „blinder Fleck“ in der Geschichtsschreibung von Plauen, wir hängen im „Opfermythos“ fest. Es fehlt an Dauerausstellungen und Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum, und wenn es sie gibt, fokussieren sie auf Opfererzählungen. So wichtige Fragen wie die nach den Tätern und den Vorbedingungen von Täterschaft bleiben oft ungestellt. Dabei haben wir mit der „Panzerbrücke“ noch ein wahrhaftiges Zeichen.
Diese Entwicklung geschichtsrevisionistischer Positionen unterstreicht unsere zivilgesellschaftliche und politische Verantwortung für eine wirksame kommunale Erinnerungskultur. Diese Verantwortung nehmen wir als colorido e. V. immer wieder wahr.
Ausgehend von der besonderen Rolle Plauens in der Gründungszeit der NSDAP und während der NS-Machtetablierung und -Diktatur ab 1933 möchten wir immer wieder den „Finger in die Wunde“ legen, um Bedingungen und Möglichkeiten des gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses zu diskutieren, der die Erinnerungskultur hervorbringt und prägt. Welche Aufgaben sind in Plauen aktuell zu priorisieren und wie kann man gemeinsame Ideen in naher Zukunft umsetzen? Wie kann man Jugendlichen ein partizipatives Beteiligungsformat anbieten? Wie können wir junge Menschen einbinden und ihre Anliegen und Perspektiven sichtbar und hörbar machen?
Dazu haben wir uns die Verbindung zur Gedenkstätte KZ-Flossenbürg aufgebaut. Außerdem arbeiten wir eng mit der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (sLAG) und anderen Institutionen zusammen. Wir sind Mitglied der sLAG.
Wir werden am 26. April am feierlichen Gedenkakt anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg teilnehmen.
Am 12. April 2026 nehmen mehrere Mitglieder von colorido e. V. an der Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald teil.
Ab dem 08. Mai 2026 starten wir mehrere Veranstaltungen mit Kooperationspartner*innen unter dem Titel JÜDISCHES LEBEN JEWISH LIVE im Vogtland.
Es werden Stolpersteine in Falkenstein verlegt, Lesungen mit Hannah Miska über den Textilkaufmann Alfred Roßner finden statt.
Für die Veranstaltungspostkarte im Jahr 2023 haben wir damals ein auf den ersten Blick etwas untypisches Motiv gewählt und das wollen wir gerne noch einmal aufgreifen, um über den „Opfermythos“ zu sprechen.

Die Veranstaltungspostkarte zeigt das Foto einer Spitzdecke mit Darstellung des Plauener Rathauses. Fotografiert von Richard Herold 1940. (© Deutsche Fotothek / Herold, Richard | Gestaltung: Janett Andrejewski)
Das Motiv zeigt die Ansicht des Plauener Rathauses vom Marktplatz aus gesehen, links das 1907 eingeweihte König Albert-Denkmal, es ist eine Erinnerung an „goldene Zeiten“: Durch die Entwicklung und maschinelle Herstellung von Tüll- und Ätzspitze Anfang der 1880er Jahre hatte die Stadt einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, „Plauener Spitze“ Weltruf erlangt. Als das Reiterstandbild errichtet wird, ist Plauen Großstadt, 1912 erreicht sie mit 128 000 ihre höchste Einwohnerzahl. Die kunstvoll gestaltete Spitzendecke erzählt von diesem Teil der Geschichte.
Als Richard Herold, selbst 1889 in Plauen geboren, dieses Foto macht, hat auch die Plauener Stadtgesellschaft verschiedene Krisen erlebt: den Niedergang der heimischen Textilindustrie seit 1912, den Ersten Weltkrieg mit der Inflationszeit und die Weltwirtschaftskrise, in deren Folge Plauen die höchste Arbeitslosenquote unter deutschen Städten verzeichnet. Frühe sächsische Hochburgen der NSDAP sind im Zwickauer Raum und im Vogtland entstanden. 1922 ist in Plauen die erste Ortsgruppe gegründet worden, sie hat Anfang 1925, nach Verbotszeit und Wiedergründung, bereits 1200 Mitglieder und übernimmt damit die sächsische Führungsrolle.
Fragt man nach den Gründen für diesen Erfolgskurs der Partei, muss man das völkische Milieu betrachten, das in Plauen schon früh existiert. Schon im August 1914 kam es in der Stadt zu
pogromartigen Ausschreitungen gegen ostjüdische Kaufleute und Konkurrenten im Textilgewerbe, später verankert sich hier der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund (DTSB)“. Eine im Vogtland weit verbreitete Heimindustrie, eine geringe Dichte an Gewerkschaften sowie die kurze Herrschaft des Anarcho-Kommunisten Max Hoelz und die damit einhergehende politische Radikalisierung eines Teils des Bürgertums sind weitere Faktoren, die zur Beschreibung der besonderen Verhältnisse in Plauen dienen können. (1)
Schon beim Pogrom 1914 trat ein Kleinunternehmer in Erscheinung, der seit 1907 zu Plauens Spitzenfabrikanten zählt und später Mitglied des DSTB wird, der 1879 geborene Martin Mutschmann. Finanzielle Möglichkeiten, frühe Verbindungen zu Hitler sowie familiäre Vernetzungen auf der kommunalen NS-Ebene ermöglichen den Aufstieg. Mutschmann wird im Sommer 1924 Führer der Landesleitung des „Völkisch-Sozialen Blocks“ (VSB), der die verbotene NSDAP ersetzt. Nach der Wiedergründung der Partei ist nicht die Landeshauptstadt Dresden Sitz der Landes- bzw. Gauleitung, sondern Plauen, die Adresse lautet auf Bärenstraße 61, es ist Mutschmanns Wohnsitz und der Verwaltungssitz seines Unternehmens.
Entscheidend für den Erfolg der NSDAP, für die Mobilisierung und Bindung Tausender in Plauen, sind auch die öffentlichen Auftritte von Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Robert Ley in der Stadt. Im Juni 1930 ist sie außerdem Schauplatz des ersten großen Gauparteitags der sächsischen NSDAP, 1932 erringt die Partei in Plauen die absolute Mehrheit.
Mitte März 1933, kurz nach der NS-Machteroberung in Sachsen, wird die Gauleitung in die Landeshauptstadt verlegt. Mutschmann, der über Jahre an der Professionalisierung der Gauleitung und der Durchsetzung seines Führungsanspruches gearbeitet hat, und seine Entourage siedeln sich in Dresden an, auf dem Weg zum Spitzenpersonal einer sich etablierenden Diktatur, die mit brutaler Härte gegen politisch Andersdenkende vorgeht.
Auch mit diesem Teil der Geschichte ist das Foto dieses Plauener Spitzendeckchens verknüpft und diesem Teil von Plauens Geschichte widmen wir uns mit unseren Veranstaltungen.
(1) Vgl. Mike Schmeitzner: „Plauen: Die Gauleitung der NSDAP“, in: Konstantin Hermann (Hg.), Führerschule, Thingplatz, „Judenhaus“. Orte und Gebäude der nationalsozialistischen Diktatur in Sachsen, 1. Auflage, Dresden, Deutschland: Sandstein Verlag 2014, S. 44 ff.
