Herzerfrischendes Zwiegespräch mit Dirk Zöllner

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Musikalische Lesung mit Dirk Zöllner aus seinem Buch „Herzkasper“

Ein Künstler sucht seine Mitte.

Zwischen Kopf- und Lendenbereich findet er sein Herz … und begibt sich mit ihm ins Zwiegespräch.

Es geht um Höhen und Tiefen des Schaffensprozesses, seelisches Ungleichgewicht als Voraussetzung für eine Arbeit, bei der die Grenzen zwischen Individualität und Psychose verschwimmen und über unausweichliche Themen. Im Zentrum der pointiert autobiografischen Geschichten und herzgesteuerten philosophischen Betrachtungen steht bei Dirk Zöllner wie immer die Musik. Und last but not least auch Corona und was die Pandemie im Leben des Musikers veränderte.

Die Veranstaltung besuchten 22 Personen, 25 Personen waren angemeldet und laut Hygienekonzept zugelassen. In der schwierigen Zeit unter Corona-Bedingungen war es herzerfrischend wie Dirk Zöllner mit seinem „Herzen“ ins Gespräch kam. Das Publikum hat es sichtlich genossen.

Dirk Zöllner und Band unterstützten uns in Plauen schon mehrfach bei Veranstaltungen.

Darüber hat er uns Plauenern in seinem Buch „Herzkasper“ ein Kapitel gewidmet.

Auszug aus dem Buch „Herzkasper“ von Dirk Zöllner, Seiten 111 bis 113, gewidmet unserer Veranstaltung „Don´t be silent“ am 1. Mai 2019 auf dem Albertplatz in Plauen.

Dirk Zöllner und Band waren der Auftakt an diesem Tag.

Muschimusik

Obwohl ich nach meiner Lehre nur noch zwei Jahre der Arbeiterklasse angehörte, fühle ich mich für immer mit ihm verbunden! Ich weiß sehr genau, wie es sich anfühlt, bei Affenhitze, klirrender Kälte und im Dreischichtsystem im Dreck zu wühlen. Und ich träume nach über fünfunddreißig Jahren tatsächlich immer noch davon, dass ich zurück ins Betonwerk Grünau muss. Da brechen sich wahrscheinlich Schuldgefühle Bahn, denn ich empfinde es als unglaubliches Privileg, das Leben als Musiker und Autor erleben zu können. Und wenn mich mal der Blues überkommt, weil die Geschäfte nicht so gut laufen, hole ich mir die Bilder meiner kurzen Betonwerkskarriere ins Gedächtnis zurück!

Auch ich arbeite hart, um im beschissenen Geldsystem mitspielen zu können, aber eben nur noch als Salonarbeiter. Als solcher begehe ich auch regelmäßig den Kampftag der Werktätigen – diesmal auf einer Bühne in Plauen. Gewerkschaften und Bürgervereine haben sich zusammengeschlossen, um mit der mittlerweile oft ratlosen Menschenmehrheit gegen den Missbrauch dieses Tages zu demonstrieren. Gegen die Stigmatisierung der Stadt als Petrischale für den Rechtsextremismus.

Dem martialischen Naziaufmarsch des „Dritten Weges“ wurde einfach ein friedliches, parteiübergreifendes Volksfest entgegengesetzt. Deeskalation. Kein aufgeregtes Skandieren, kein Futter für eine sensationsheischende internationale Presse – ganz einfach: Rock für die Liebe!

Ungeachtet der beängstigenden Geräuschkulisse von Polizeisirenen, Hubschraubern und des fernen Gebrülls der sich gegenseitig aufgeilenden Randgruppenkrakeeler, spielt meine Band ein bewusst entspanntes Programm: Love & Peace! Als wir uns nach dem Konzert zwischen die Menschen begeben, auch um Bier und Bratwurst zu uns zu nehmen, bekommen wir viele freundliche Komplimente. Nur der Bassist wird von einem etwas griesgrämigen und sehr betrunkenen Proletarier angesprochen: „Das hat mir nicht gefallen, das war ja Muschimusik!“

Es ist in der Tat so, dass es vor allem Frauen sind, die unsere Musik mögen. Aber auch bei allen Konzerten, die ich als Zuschauer besuche, bemerke ich einen eindeutigen Frauenüberschuss. Fakt ist: Penisrock ist einfach nicht mein Ding! Nur wenn er lustig ist, wie bei Knorkator. Oder richtig theatralisch, wie bei Rammstein. Die Menschen sind im Allgemeinen eher für Marschmusik zu begeistern, vor allem die männlichen. Das hat wahrscheinlich etwas mit deren gerader Sexualität zu tun. Frauen sind ja nicht immer so gerade und direkt. Da wird auch mal um die Ecke gedacht und gefühlt, da darf es schon mal swingen!

„Swing tanzen verboten“, war in den Tanzlokalen des Dritten Reichen auf Schildern zu lesen. Es scheint also in meinem Fall noch nicht mal ein Politikum gegen rechts zu sein, sondern schlichte Notwendigkeit, denn bei mir muss es sogar swingen. Ich bin den schönen Menschen verfallen, also vor allem den Frauen. Ich bin ein leidenschaftlicher Muschimusiker!

Altaaa! Jetzt würde ich wahrscheinlich erröten, wenn ick nich schon so rot wäre. Bei so einem Lippenbekenntnis der dritten Art geh ick nich mit – da bleib ick uff der Stelle stehn! Es verletzt mich ´n bisschen, dass du deine musikalische Leidenschaft so krass weit unter mir verortest.

Ey, das war die Flucht nach vorn! Du bist natürlich überall dabei. Und es ist egal, ob es da über die Halskrause oder auch mal unter die Gürtellinie geht. Ich kann mich doch gar nicht mehr gegen dich wehren. Auch wenn mir da oben und da unten gelegentlich was vorgeflimmert wird – für mich gibt es nur noch Johanna. Ich habe diese ganzen Verzettelungen satt! Weißte was? Wir fahren jetzt erstmal in Urlaub, da können wir uns vielleicht wieder etwas näherkommen.

Dirk Zöllner – „Herzkasper“

Zur Veranstaltungsankündigung geht es [hier]

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